Ueber Sieg und Niederlage in Durban
Gut eine Woche nach der UN Klimakonferenz. Meine koerperliche Erschoepfung durch chronisches Schlafdefizit, ungesunden Schnellimbiss in der Hektik zwischen fensterlosen Konferenzraeumen und soziales Netzwerken bis spaet in die Nacht laesst nach. Zwei Wochen lang befanden sich meine Emotionen auf Achterbahnfahrt, angefangen von der Aufregung ueber das mir unbekannte Land Suedafrika, ueber die Frustration gegen Ende der ersten Woche, als Kanada, Japan und Russland den Ausstieg aus der zweiten Phase des Kyoto Protokolls erklaerten, bis hin zu den ueberwaeltigenden und mitreissenden Protestaktionen, die sich gegen Ende der Verhandlungen gipfelten.
Das 'Durban Package' wurde von vielen Seiten kritisiert: die groessten CO2 Emittenten USA, India und China sind zur verbindlichen Emissionsminderung noch immer nicht bereit und das Zeitfenster zur Erreichung von maximal 2°C Erderwaermung ist gefaehrlich eng geworden.
Trotzdem bin ich zuversichtlich. Das mag daran liegen, dass Durban meine erste Klimakonferenz war, aber ich habe in diesen zwei Wochen extrem viel gelernt, unter anderem folgende zwei Dinge:
Die Klimaverhandlung ist unglaublich komplex und es erfordert hoechstes diplomatisches Geschick, um allen Interessengruppen gerecht zu werden. Das gilt nicht nur fuer die Laenderdelegationen, sondern auch fuer die Weltgesundheitsorganisation WHO, im Rahmen derer ich die sozialen Dimensionen und insbesondere die Gesundheit in den Vordergrund der Verhandlungen ruecken moechte. Obwohl die UN Klimarahmenkonvention UNFCCC die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit erkannt hat, liegt die internationale Aufmerksamkeit fast ausschliesslich auf der oekonomischen und oekologischen Seite.
Die WHO arbeitet dazu an zwei Fronten: Integration der Gesundheit in Strategien zur Adaption an neuen klimatischen Bedingungen und Mitigation durch Verminderung von Treibhausgasen. Insbesondere das letztere stellt ein wirksames Motivationsinstrument fuer nachhaltige Entwicklung dar, da gesundheitliche Rendite im oekonomischen Sinne generiert werden, die den politischen Rahmen fuer Investitionen in z.B. erneuerbare Energie ebnen koennen. Neben zahlreichen Side Events zu diesen Themen trat die WHO auch an Laenderdelegationen heran, um Verhandlungspunkte zu Gunsten der Gesundheit innerhalb der UNFCCC Agenda zu erarbeiten. Die Wahl der Verhandlungspartner ist dabei von strategischer Wichtigkeit. Verbuendete sind kleine Inselstaaten und die aermsten Laender, da diese bereits an klimasensitiven Infektionskrankheiten, Hungersnot und Todesfaelle durch Extremwetterereignisse leiden. Schwieriger wurde es bei der G77+China Gruppe. Und die USA streitet gar die Existenz von klimawandel-sensitiven Krankheiten ab.
Mein zweites Erkenntnis betrifft den enormen Einfluss, den Zivilgesellschaften und NGOs ausgeuebt haben. Die starke Praesenz der Gesundheit auf der Konferenz ist nur durch Kooperation mit mehreren Public Health Organisationen und dem internationalen Verband der Medizinstudenten moeglich gewesen. Die internationale Gemeinschaft um dieses Thema ist in diesem Jahr sichtlich gewachsen, nicht zuletzt durch die Veranstaltung des 'Climate Change and Health Summit', zu dem ueber 250 Teilnehmer, inklusive einige Verhandlungsfuehrer, an einem Sonntag erschienen sind. Den Medizinstudenten gelang es, eine Gruppe von mehr als 60 afrikanischen und lateinamerikanischen Laender sowie kleinen Inselstaaten zusammenzufuehren, die in ihrer jeweiligen Ministerrede die Rolle der Gesundheit im Kampf gegen den Klimawandel betonten.
In der zweiten Halbzeit drohten die Verhandlungen zu scheitern. Tausende von Menschen fanden sich zusammen, um gegen die politische Lethargie zu protestieren. Ich war beeindruckt vom Engagement der vielen jungen Menschen, von der Kreativitaet in ihren Aktionen und von den Interventionen der kanadischen und amerikanischen Studenten, die sich gegen ihre nationalen Delegationen erhoben und damit einen tobenden Applaus geerntet haben. All das gab mir Zuversicht, dass ein gemeinsames Handeln gegen den Klimawandel machbar ist, denn kaum ein anderes globales Ereignis vereint so viele Nationen und Menschen miteinander.
Das Ergebnis der Verhandlungen mag nicht perfekt sein. Nach zwei Wochen harter Debatten mit Verlaengerung ins sonntagliche Morgengrauen aber wurde die bestmoegliche Loesung unter diesen Umstaenden erzielt - ein gemeinsamer Fahrplan fuer ein rechtlich verbindliches Klimaregime.


